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Begeisterung – na toll

Beim Schmökern in einer Sonntagszeitung las ich mit Interesse diesen Artikel: Hirnforschung – Nur mit Begeisterung lernen wir wirklich gut. Dieser Gedanke ist nicht wirklich neu. Das wirklich gelernt wird liegt an der Haltung des Lernenden – das ist sicher die Beobachtung vieler Lehrerinnen und Lehrer. Viel klarer finde ich den ersten Satz des Artikels: „Wir lernen nur das, was für uns wichtig ist.“

Also klar ist: der Schüler soll sich für das Fach „begeistern“. Das geht natürlich nur, wenn der Lehrer selbst begeistert ist. Eine klare Voraussetzung, das muss nicht weiter vertieft werden. Aber ich warne auch vor der Falle, den Unterricht ausschließlich spannend zu gestalten. Zu schnell mutiert der eigene Unterricht zur Show – Action ist gefragt. Das funktioniert nicht, so meine leidige Erfahrung. Oder genauer: es funktioniert schon teilweise, ist aber sehr anstrengend und nicht realistisch, sprich, für den Lehrer nicht durchzuhalten. Außerdem werden die Schüler sehr passiv, lehnen sich innerlich zurück und beobachten nach dem Motto: was hat der Lehrer/die Lehrerin heute zu bieten.

Viel wichtiger ist es eher auf ein paar Details zu achten: klar, die eigene Begeisterung hat Vorbildcharakter und steckt ein wenig an. Ich rate aber dazu, die eigenen Schüler darin anzuleiten, exemplarisch selbst zu reflektieren und darüber nachzudenken warum es gerade für sie selbst wichtig ist Anstrengung auf sich zu nehmen, „mühsames“ Lernen zu ergreifen. Schüler sollen erkennen: hey, ich habe etwas gelernt, ich kann ja etwas, ich habe mich entwickelt!

Ein kleines Beispiel gefällig: meine Schüler lernen ganz „trocken“ Basiswissen rund um das Thema „Radioaktivität“, das ist – streng genommen – nicht wahnsinnig berauschend, niemand schreit Hurra. Spannend wird es, wenn sie dann aktuelle Fernsehbeiträge, Zeitungsartikel rund um das aktuelle Thema „Atomausstieg“ mit anderen Blick lesen und bewerten können.

Nun, aktuelle Themen sind dankbare Themen, gut, dann hier ein anderes Beispiel aus dem Mathematikunterricht: Die Zahl Pi fasziniert und begeistert: Mit großem Erfolg fordere ich meine Schüler heraus die ersten 100 Stellen der Zahl Pi auswendig zu lernen. Eigentlich ist das natürlich Blödsinn, aber ich male ihnen die verrückte Welt begeisterter Anhänger der Zahl Pi aus: es gibt einige  Pi-Clubs, bei denen man nur Mitglied sein kann, wenn man 100 ( oder gar 1000) Stellen nach dem Komma auswendig aufsagen kann. Selten sehe ich plötzlich so viel Interesse von vielen Schülern bezüglich der Mathematik. Und einige Schüler, die sich auf das Auswendig lernen einlassen. Ich vermute (oder hoffe), es färbt auf die wichtigen Themen der Mathematik ab.

Mein vorläufiges Fazit:

  1. Sei als Lehrender „begeistert“. Manchmal muss ich mir einfach einen Ruck dazu geben. Denn auch hier haben die Kids eine feines Gespür. Glücklicherweise langt es auch, wenn das „exemplarisch“ aufgezeigt wird.
  2. Schaffe Situationen, in der die Schüler selbst reflektieren können: „Ich habe etwas gelernt, etwas erreicht“. Eine passive Empfangshaltung der Schüler bringt nichts.
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  1. Lisa Rosa #

    hi, vergiss nicht den wichtig gefundenen aspekt vom anfang: man lernt nur, was einem wichtig ist. wie wird etwas wichtig, und muss fuer alle dasselbe wichtig sein? oder darf es sich unterscheiden – muss es ja wohl? und wie geht das zusammen mit der schule, in der alle dasselbe lernen muessen? was sagst du?

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    5. Mai 2011
  2. martinkurz #

    Hallo Lisa,
    lieben Dank für deinen Kommentar. Du hast zunächst recht, ich bin gar nicht auf diesen Aspekt eingegangen. Und es ist wichtig, was du fragst: es driftet auseinander, das Interesse des Einzelnen und das Ziel, dass alle lernen sollen.

    Ich will auch nicht verwässern: natürlich gibt es ein Kerncurriculum, eine Basis an Können und Wissen, dass bei allen gleich ist. Allerdings gibt es auch – aufbauend auf dieser Basis – durchaus ein Feld, in dem z. B. Spezialisierungen und Expertenwissen einen Raum haben können. Ein Schüler kann z. B. über ein spezielles Thema durchaus Experte sein.

    Zurück zu deiner Frage: es ist einfach wichtig, dass ein Schüler prinzipiell einen gewissen Sinn in einem Fach sieht. Nehmen wir mal die Mathematik. Es ist für erfolgreiches Lernen durchaus nötig, dass er zumindest exemplarisch einen kleinen Ansatz von „Begeisterung“ sagen wir „nachvollziehen“ kann. Dies darf aber bei jeder Person recht individuell ausfallen:
    Dem einen ist die eher abstrakte Zahlenspielerei wichtig, dem anderen mathematische Kuriositäten, eine dritte Person ist davon fasziniert, dass doch tatsächlich eine komplizierte Gleichung mit dem echten Leben in Verbindung gebracht werden kann.

    Also kurz und gut: Was einem wichtig ist darf, soll und ist recht individuell. Die Kunst dabei ist es auf einer prinzipielleren Ebene, einer Meta-Ebene, zu begeistern.

    Du hast da einen Aspekt angesprochen, über den ich noch weiter nachdenken möchte.

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    6. Mai 2011
  3. Hallo Martin,

    ich möchte -wie Rosa- auch eher an die Anfangszeilen Deines Beitrages anknüpfen. Danke für den Hinweis auf den Artikel aus der Hirnforschung. Darin heißt es ja: „Wenn wir also wissen wollen, wieso Menschen so werden, wie sie werden, müssen wir herausfinden, was ihnen in der Vergangenheit wichtig war, was ihnen jetzt wichtig ist und was ihnen in Zukunft möglicherweise besonders wichtig sein wird, denn nur für das, was einem Menschen wichtig ist, kann er sich auch begeistern, und nur wenn sich ein Mensch für etwas begeistert, werden all jene Netzwerke ausgebaut und verbessert, die der betreffende Mensch in diesem Zustand der Begeisterung nutzt“. Was aber, wenn diese Netzwerke bislang erst gar nicht angelegt wurden, Synapsen in bestimmten Bereichen des Gehirns einfach nie gefeuert haben und im Laufe der Zeit sogar große Blockaden aufgebaut wurden? Wie kann man da etwas verbessern oder ausbauen wenn erst gar nichts angelegt wurde? Da kannst Du als innovativer Physik- oder Mathelehrer selbst mit einem prächtig vorbereiteten, handlungsorientierten Unterricht kaum etwas ausrichten. Insofern hast Du Recht, es reicht nicht, den Entertainer zu spielen. Die Wege, die im Gehirn einst ausgetreten wurden, sagt der Hirnforscher Spitzer können nur mühsam wieder verändert werden. Es muss sich dann für den Rezipienten „lohnen“, andere Verbindungen im Gehirn zu knüpfen. Vielleicht ist es wie Du sagst: dem Schüler wird ihm möglicherweise gefallen, dass er einen Bezug zu seinem Alltag herstellen kann, plötzlich Dinge, die in der Presse diskutiert werden, besser einordnen und verstehen kann, sich deshalb eine eigene Meinung bilden kann. Und ich revidiere: für viele Schüler kann der Lehrer durchaus der „Superreiz“ sein, oder die Note oder der Zugang zum Studium, weshalb es sich „lohnt“ sich für neue Inhalte zu interessieren, sich diese anzueignen, gut in einem bestimmten Fach zu sein. Dennoch gilt zunächst das, was hirnphysiologisch angelegt ist, wie Du schon sagst: dem einen ist die eher abstrakte Zahlenspielerei wichtig, dem anderen mathematische Kuriositäten der eine ist eben gut im linguistischen Bereich, die andere gut in Chemie. Da feuern die Synapsen, Botenstoffe schütten sich aus und die zart angelegten Verbindungen können mühelos gestärkt werden. Das lese ich aus dem Satz des Artikels heraus: „müssen wir herausfinden, was ihnen in der Vergangenheit wichtig war“. Was meinst Du?

    Grüß Dich – Irene

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    7. Mai 2011
  4. martinkurz #

    Ja, Irene, ich gebe dir voll und ganz recht, stimme deinem Gedankengang zu.
    Tatsächlich hast du es noch schöner ausgedrückt: es müssen – egal wie – die Hirnstrukturen angelegt werden. Aus dem Bauch heraus sage ich aber: das Interesse, die Neugierde oder Begeisterung sollte auch etwas fachspezifisch sein, oder? Ich kann das nicht nachweisen, aber das ist meine Beobachtung.

    Mir ist mit diesem Artikel und durch deinen und Lisas Beitrag klarer geworden: die Motivation der Schüler muss angeregt werden, egal wie. Und dazu kann es auch sinnvoll sein daran anzuknüpfen, was Schülern in der Vergangenheit wichtig war.

    Andererseits, das ist kompliziert, ich hätte dazu keine praktische Idee. Und ich kenne Schüler, da würde ich wetten, denen war nie etwas wirklich wichtig.

    Mein zarter Gedanke ist die Selbstreflexion der Schüler anzuregen, nach dem Motto: hier kann ich etwas, darauf kann ich stolz sein. Ich berichte, wenn mir dazu eine praktische Idee für den Unterricht kommt.

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    7. Mai 2011
  5. Hmmm… der Alltagsbezug ist – glaube ich jedenfalls – eher sekundär. Ich erlebe bei meinem Zweitjob – im Schülerlabor des DESY – folgendes recht häufig: Schüler der 4./5./6./10. Klasse kommen zu uns mit der Einstellung „kann ich nicht. habe in physik sowieso ne 5. versteh ich nicht“. Durch kleine Erfolgserlebnisse („Hey, den Versuch hab ich ja ganz allein verstanden!“) gehen viele mit einem deutlich positiveren Bild von sich selbst nach Hause. Und das finde ich immer wieder absolut toll.

    Mit einem „Alltagsbezug“ der Experimente kann das nur sehr bedingt etwas zu tun haben. Eher, wie du andeutest, mit dem Gefühl von Selbstwirksamkeit. Diese zu erzeugen muss glaube ich unser Ziel als Lehrer sein – wie ist egal, aber gerade das ist schwer…

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    16. Mai 2011
  6. martinkurz #

    Hallo Hannes,

    das hast du sehr schön auf den Punkt gebracht: Erfolgserlebnisse benötigen die Schüler, das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Ja, da gebe ich dir recht. Alltagsbezug von Experimenten ist nicht das wichtigste.

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    17. Mai 2011
  7. Hallo Martin,

    zu deinem Artikel zwei passende von meinem Blog 😉

    Erkenntnisse der Neurowissenschaft – in Anlehnung an die positiven Effekte der Selbstwirksamkeit

    Hirnforschung für die Schule

    Was ist ein guter Lehrer? Begeisterungsfähigkeit?

    Das habe ich eben im Netz gefunden: http://www.onlzoberurff.info/cjd-jugenddorf-christophorusschule-oberurff/was-ist-ein-guter-lehrer-die-vorlaeufige-top-10-der-merkmale/

    Begeisterungsfähigkeit ist bei denen gar nicht an der Spitze. Ich kann mich an mein Studium erinnern. Ein Prof pflegte immer zu sagen, seien Sie begeistert von ihrem Fach, damit werden sie ihre Schüler zum Lernen motivieren.

    Beste Grüße
    Marek

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    3. Juni 2011

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