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In der Schule Kraft tanken? – Unmöglich!

Bildquelle. Noch eine Woche Ferien, dann fängt bei uns in Hessen das neue Schuljahr an. Noch sitze ich am Ende der Ferien zwar arbeitend, aber beileibe nicht gestresst in meinem Büro und bereite das Schuljahr vor. Ich genieße die Ruhe und den freundschaftlichen Kontakt mit meinen Kolleginnen und Kollegen des Schulleitungsteams. So friedlich, eine Schule ohne Schüler.

Doch das wird anders. Stress, extremes Multi-Tasking, eine lange Liste offener Aufgaben, die kaum kleiner wird. Keine Pause, in der nicht (gefühlt) Dutzende von Menschen etwas von mir wollen, Schüler und Kollegen. Das nagende Gefühl den eigenen Unterricht nicht ausreichend vorbereitet zu haben. Den Ansprüchen so vieler nicht rechtzeitig gerecht zu werden. Ich merke in dieser ruhigen Woche vor dem Sturm, ich muss mich wappnen. Dieses Schuljahr wird alles besser (natürlich, dass sage ich seit 19 Jahren).

Selbstachtsamkeit ist ein neues Zauberwort. Oder Work-Life-Balance.  Na, ich will nicht überlegen lächeln, denn da ist etwas dran. Artikel und sogar Titelgeschichten über den rapiden Anstiegs des Burn-Out-Syndroms sind ja auch in letzter Zeit veröffentlicht.

Dann zählen wir mal auf. Die einzelnen Punkte sind auch sicher nicht spektakulär oder neu. Die Reihenfolge ist auch eher willkürlich. Ich berichte später, was ich erfolgreich umgesetzt habe:

  1. Weniger Kaffee trinken, dafür mehr Mineralwasser und (grüner) Tee. Zuviel Kaffee wirkt kontraproduktiv, das ist klar, besonders, wenn die Qualität nicht stimmt. Ich rüste mich also mit einem Kasten Wasser und einem guten Sortiment Tee(beutel) aus. Angeregt wurde ich zudem durch einen Blogartikel mit Tipps zum Kaffeetrinken im Lehrerzimmer, aufgeschreckt (und amüsiert) aber auch über die möglichen Halluzinationen durch Kaffee, die insbesondere Lehrer treffen können :-).
  2. Eine echte Mittagspause nehmen. Ein Mittagessen muss sein. Und dies nicht geschlungen, sondern möglichst langsam gegessen. Das muss ich im Detail noch regeln. Ich befürchte das Zauberwort heißt „Vorausplanung“, aber anders geht es nicht. Wichtig aber ist, dass ich wirklich ein leichtes Mittagessen habe. Salat wird es meistens sein, für eine Abwechslung muss ich wohl planen.
  3. Kurze Pausen nehmen, 1-2 Minuten, ganz bewusst genommen. Hin setzen, Beine hoch legen, vielleicht einen Tee trinken. Meistens klopfen unglaublich viele Menschen in der Pause an meiner Bürotür. Dies ist dann nicht meine Pause, ich muss diese auf eine andere Zeit verlegen.
  4. Kurze Phasen des ununterbrochenen Arbeitens. 15-20 Minuten an einer Sache sein, ohne Unterbrechung, dies würde viel bringen. Ich stelle mir dazu einen Timer. Eine digitale Eieruhr. Dieses Arbeiten plane ich für den Nachmittag. Nur dort ist ruhigeres Arbeiten möglich. Vormittags ist dies kaum möglich. Da werde ich Unterbrechungen einfach akzeptieren, Offenheit zeigen. Denn alles andere wird nicht funktionieren.
  5. Alle Möglichkeiten der Selbstablenkung muss ich vermeiden. Das heißt, dass ich in meinen konzentrierten Arbeitsphasen alle Social-Media-Aktivitäten zu unterlassen habe. Das wird wirklich, wirklich schwer. Kein Google+, kein Facebook, keine Nachrichten und Blogs. Keine Ahnung, ob ich das schaffe.
  6. Zwei Arbeitstage, in denen ich früher die Schule verlasse. Sagen wir mal spätestens um 16 Uhr. Ansonsten strebe ich mal 18:30 Uhr an. Das wird schwer. (Zur Schule komme ich früh, zwischen 7 und 7:30  Uhr.)
  7. Regelmäßig Sport, für mich bedeutet dies Joggen. Alle zwei Tage am frühen Abend angegangen wäre optimal. Ich sehe es nicht nur als schöner Teil meiner Freizeit, sondern auch als Ausklang meiner Arbeitszeit. Ein Übergang, zum Stressabbau.
  8. Unterrichtseinheiten planen macht mir eigentlich viel Freude. Ich werde versuchen diese mehr „im Block“ zu planen, also nicht mehr nur die einzelnen Tage, sondern verstärkt größere Einheiten. Ist zwar unter alten Hasen eine Binsenweisheit, muss aber von mir noch umgesetzt werden.
  9. Jeglichen Perfektionismus vermeiden. Wenn ich meine Aufgabe halbwegs erfüllt habe, ist es genug. Punkt. 80 Prozent reicht in vielen Fällen. Pfeif‘ auf das Layout.
  10. Unangenehme Aufgaben gleich angehen. Gleich erledigen, nicht groß nachdenken, nicht aufschieben. Damit habe ich schon gute Erfahrungen gemacht.
  11. Nur eine neue Baustelle. Eine Baustelle, wo es gilt die Unterrichtsqualität zu steigern. Dies wird wohl ein frommer Wunsch bleiben, vielleicht sollte ich sagen: eine Baustelle weniger ist schon ein Gewinn.
  12. Ein schriftliches Aufgaben-Management entlastet den Kopf. Getting Things Done (GTD) heißt die Methode. Bei mir klappt es digital, ich habe mit Omnifocus gute Erfahrungen gemacht, aber es gibt auch andere Programme.
  13. Eine Klausurensoftware. Zur schnelleren Korrektur von Klassenarbeiten, Hausaufgabenkontrollen und Tests habe ich mir eine Klausuren-Scanner-Software angeschafft, die hoffentlich den Korrekturaufwand um ca 40 –  50 % vermindert. Klaus heißt sie. Ist recht beeindruckend.
  14. Pflichtlektüre: Die Bären-Strategie. In der Ruhe liegt die Kraft, von Lothar Seiwert. Dies kann nur richtig sein und gilt ganz sicher für die Schule. Muss ich lesen.

Das langt zunächst. Werft mir bitte nicht Naivität vor. Ich denke es ist gut und richtig, sich vor dem Schuljahr Gedanken gemacht zu haben. Ich bin gerne Lehrer und Schulleitungs-Mitglied, ich unterrichte gerne, auch das Schulmanagement ist (meist) positiv aufregend. Das neue Schuljahr möge kommen. Ich freue mich darauf.

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  1. *Daumen hoch*

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    31. Juli 2011
  2. ut-e #

    .. jaja, die kleinen inseln – ob nur gedanklich oder am besten real – der erholung…
    wo befindet sich denn eigentlich der ruheraum für `den gemeinen lehrerkollegen`??? in unserer wie ich finde fast schönen schule. ???

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    31. Juli 2011
  3. mich würde brennend interessieren, ob Klaus seine arbeit vernünftig macht. Könntest Du wohl einen kleinen Artikel verfassen, wenn die ersten Klausuren durch sind?

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    31. Juli 2011
  4. Martin Kurz #

    Thomas: Lieben Dank für deine Erwähnung. Ist auch ein toller Artikel von dir.

    Liebe Ut-e (schön, dass du hier mitliest): ich ergänze den Punkt 15. Unbedingt muss die Lehrerbibliothek unserer Schule als Lehrer-Ruheraum mit einer Couch-Landschaft ausgestattet werden, du hast recht.

    MAWSpitau: gerne, mache ich.

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    1. August 2011
  5. Wobei ich hier beim Durchlesen an ein bis zwei Stellen fast schon schockiert bin – gestern habe ich das nur überflogen. Aber wie kommst du auf eine Arbeitszeit, die bis 18.30 reicht? Ich bin verblüfft. Ich weiß nicht, ob das jetzt komisch kommt: Aber kannst du mal einen Arbeitstag skizzieren?

    Dennoch hat die Erinnerung an deinen Beitrag heute morgen mich dazu gebracht, den Autoschlüssel wegzulegen und, wie ich mir vorgenommen hatte, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu radeln.

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    1. August 2011
  6. Einen guten Einstieg ins neue Schuljahr. Und was Pausen angeht: Wir haben nach einem Jahr, in dem wir baustellenbedingt pendeln mussten und deshalb Unterrichtszeiten veränderten, Erfahrungen gemacht, die wir nun beibehalten:

    Es gibt in der Regel vormittags nur Doppelstunden. Diese dauern 85 Minuten. Zwischen den Doppelstundenblöcken sind jeweils 30 Minuten Pause. Die siebte Stunde ist Mittagspause.

    Außerdem: Mittwochs in der 5. Stunde hat die ganze Schule Klassenlehrer und Tutorenstunde; in der 6. Stunde haben die Schüler Mittagspause und die Lehrer Konferenzstunde. (Für die Lehrer fällt Mi. die Mittagspause in Einzelfällen aus, aber dem haben wir in Gesamtkonferenz zugestimmt).

    Das bedeutet für Schüler und Lehrer: Weniger Fächer / Lerngruppen am Tag. Pausen, in denen sich Schüler wirklich bewegen können und Lehrer auch mal fünf Minuten durchatmen können. Wegfall der stressigen Terminsuche für Konferenzen; Wegfall von Nachmittagskonferenzen (außer Gesamt- und Zeugniskonferenz); bessere Kommunikation unter den Lehrern; Kurzberatungsmöglichkeiten in den Pausen etc.

    Die Schüler haben leichtere Taschen, da weniger Fächer am Tag. Und die Eltern sind in Form des Elternbeirates von der Stundeneinteilung und der Pausenregelung auch recht angetan.

    Was ich damit sagen will: Über die individuellen Möglichkeiten der Burn-Out-Prophylaxe, die ich übrigens auch sehr ernst nehme, gibt es organisatorische Möglichkeiten, zur Entlastung aller beizutragen, ohne Qualitätsverluste, ja, ich finde sogar, mit deutlichen Qualitätsgewinnmöglichkeiten.

    Ein gutes Schuljahr 2011/12 wünscht

    Torsten (aka herrlarbig)

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    4. August 2011
    • Martin Kurz #

      Lieber Torsten,

      herzlichen Dank für dein ausführliches Feedback. Ich stimme deinen Vorschlägen aus ganzem Herzen zu. Substanzielle Entlastung ist auf diesen „äußeren“, organisatorischen Weg noch viel besser möglich. Ich beneide dich ein kleines bisschen.

      Leider sind in unserer Schule viele Kollegen gegen Doppelstunden, ich kann mir auch schon denken, warum. Ich kämpfe aber auch schon für solch eine Lösung, für das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern gleichermaßen.

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      6. August 2011
  7. In vieler Hinsicht bedenkenswert – danke für den Artikel!

    Klaus klingt spannend, da hat MAWSpitau recht. Vielleicht ist das die Zukunft? Papierlose Tests sind in vielerlei Hinsicht problematisch, da ist der Ansatz mit einem Scanner mit Stapeleinzug zu arbeiten eigentlich ein guter Weg drumherum.

    An der Klausurensoftware wäre ich tatsächlich auch interessiert – vielen Dank für den Hinweis. Wenn sich damit Zeit sparen lässt, ohne dass die Qualität der Aufgabenstellungen massiv leidet oder dieselbe Zeit beim Erstellen der Klausuren dafür zusätzlich anfällt, wäre ich gleich dabei.

    Die 20-minütigen Arbeitsphasen mit Eieruhr – da ist das Pomodoro-Zeitmanagement doch gleich in unmittelbarer Nachbarschaft. In abgewandelter Form empfehle ich das auch gern meinen Schülern, die sich auf ihre Abschlussprüfung vorbereiten wollen/müssen.

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    5. August 2011
    • Martin Kurz #

      Ja genau, das 20-minütige-Arbeitsphasen-Konzept nach Pomodoro, dies meine ich auch, habe es vergessen zu erwähnen. Aber du erinnerst mich daran, dass ich mir auch noch eine klassische Küchenuhr in Form einer Tomate besorge, das gehört stilistisch einfach dazu.

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      6. August 2011

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  1. kubiwahn » Rückblick auf das Schuljahr I – Zeugnis für den Lehrer

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