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Wann genau unterrichte ich kompetenzorientiert?

crashtest

Bildquelle. Durch einen sehr , sehr guten Fachartikel des Professors Josef Leisen in der Fachzeitschrift Unterricht Physik (Heft 123/124, Juli 2011) mit dem Titel „Aufgabenstellungen und Lernmaterialien machen’s“ (Seite 11 – 17) ist mir zum besseren Unterschied zwischen kompetenzorientiertem und traditionellem Unterricht etwas klar geworden: Der Unterschied liegt meist in der Formulierung der Aufgabenstellung.

Leisen stellt tabellarisch die Aufgabenstellungen beider Unterrichtsformen gegenüber. Es geht um Physik, Stoßgesetze. Als Unterrichtsmaterial liegt ein Zitat aus der ADAC motorwelt vor, inklusive der Antwort der Reaktion.

Der Leser fragt:

„Angenommen, ein Auto fährt mit Tempo 50 frontal gegen ein gleichartiges und gleichschweres Fahrzeug, das ebenfalls 50 km/h schnell ist. Sind die Aufprallfolgen für Fahrzeug und Insassen die gleichen, als wäre das Auto mit 100 km/h gegen eine Wand gefahren?“

Die Aufgabenstellung  A im traditionellen Physikunterricht lautet z. B.:

„1. Wie lautet die physikalisch richtige Antwort?
2. Begründet mit den Stoßgesetzen der Physik.“

Die Aufgabenstellung B im kompetenzorientiertem Physikunterricht lautet:

„Ihr habt die Aufgabe, die Leserfrage in der ADAC-Zeitschrift adressatengerecht zu beantwortenund zu bewerten. An den Lernmaterialien werdet ihr die Stoßgesetze lernen, die ihr zur Beantwortung braucht.
1. Beantwortet die Leserfrage als Physikschüler für einen Mitschüler.
2. Beantwortet die Leserfrage als Fachredakteur in der nächsten Ausgabe der ADAC-Zeitschrift.
3. Bewertet die Gefährlichkeit für Leib und Leben bei Auto-Crashs physikalisch.“

Ich glaube mit diesem Beispiel wird es recht klar. Ich gehe mal gar nicht auf die Physik und die korrekte Antwort auf die Leserfrage ein. Es ist klar, dass in der Aufgabenstellung B die Aufgaben die Kompetenzbereiche „Kommunikation“ und „Bewertung“ abdeckt. Dabei ist natürlich das „Fachwissen“ und die „Erkenntnisgewinnung“ zwingend erforderlich. Möglichst „authentische Anforderungssituationen“ stehen im Zentrum. Geplant wir von der Ausgangslage des Lernprozesses.

In der Aufgabenstellung A ist das „Fachwissen“ im Mittelpunkt. Leisen bewertet diese Aufgabenstellung als nur „kompetenzangereichert“. Kompetenzen werden eher nebenbei bei den Inhalten mit gelernt. Der ganze Unterricht geht ausschließlich vom Fach und den Fachstrukturen aus.

Alle Zitate und Gedanken sind aus der Quelle:

LEISEN, Josef: Aufgabenstellungen und Lernmaterialien machen's - Unterschiede 
zwischen kompetenzorientiertem und traditionellem Unterricht. 
Naturwissenschaften im Unterricht Physik, 123/124 (2011), S. 12.

Mit diesem Beispiel wird hoffentlich einiges klar. Ich will nicht weitere Gedanken und Inhalte des Artikels wiedergeben, ich kann nur sagen, der Kauf lohnt sich auch für Nicht-Physiklehrer! Zumindest für den naturwissenschaftlichen Unterricht sind (abgesehen von den guten Unterrichtsmaterialien zur Physik) die Grundaussagen übertragbar.

Ich weiß, ich klinge langsam euphorisch, aber ich finde diese Entwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts sehr gut. Endlich frischer Wind in dem ach‘ so ungeliebten Fach. Dennoch wird es auch bei mir eine Weile dauern, bis der Unterricht im Alltag umgestellt ist. Phantasie in den Aufgabenstellungen ist gefragt!

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  1. Hallo Martin,

    ich wollte grad eine Antwort schreiben und lese daher deinen Beitrag mehrmals. Jetzt fällt mir grad auf: kann es sein, dass du aus Versehen bei deinen Ausführungen die Aufgabenstellung A und B in deinen Erläuterungen verwechselt hast – so ist doch die Aufgabenstellung B die kompetenzorientierte – und A diejenige, die sich nur um das Fachwissen dreht.
    Außer ich habe komplett etwas falsch verstanden.

    Aber dann, so will mir spontan einfallen, sind wir aber auch beim fächerübergreifenden Unterricht, denn die verschiedenen Perspektiven, die diese Aufgabe B anspricht, bzw. deren Ausführung überschneiden sich mit dem Schreibunterricht im Fach Deutsch.

    Und es ist nicht so ganz einfach, wie es sich hier eventuell in der Aufgabe darstellt. Die Schreibaufgabe an sich, die du darstellst, ist ja nicht so einfach zu bewerkstelligen. Aus der Sicht eines Deutschlehrers und eventuell der Schreibdidaktik ist die Ausführung ein durchaus komplexer Vorgang.

    D.h. den Schülern muss auch u.a. beigebracht werden, wie man an eine solche Aufgabe herangeht.

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    6. August 2011
    • Martin Kurz #

      Upps, Thomas, du hast ja völlig recht. A und B ist in meinen weiteren Erläuterungen gerade vertauscht. Korrigiere ich gleich.

      Und was du inhaltlich ansprichst muss ich dir recht geben: den Rollenwechsel, insbesondere in Aufgabe in die Rolle eines Fachredakteurs einer Auto-Zeitschrift zu wechseln ist sehr herausfordernd und hat vielleicht traditionell nichts mit dem Fach Physik zu tun. Und glaube mir, ich schaue mir einiges bei „euch“ Deutschkollegen ab, insbesondere in Strategien des Leseverständnisses.

      Dennoch, diese Kompetenz ist doch unabdingbar: wenn man erfolgreich in einem z. B. technikorientierten Beruf sein will, wie z. B. eines Fachredakteurs im Bereich Autotechnik, der muss sich komplex ausdrücken können.

      Aber ich sehe, wir Physiklehrer müssen da noch viel lernen – Texte richtig schreiben, oh weh! 😉

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      6. August 2011
  2. Jan-Martin Klinge #

    Danke für diese Verdeutlichung – gefällt mir gut!
    (ich weiß schon, warum ich welche Blogs lese :-D)

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    6. August 2011
  3. Sehr schön. An den Aufgabenformaten in meinem Unterricht knabbere ich auch gerade, wollte eigentlich mit Reader und Projektunterricht zu glänzen versuchen – werde das realistischerweise aber nicht schaffen – hin und wieder ein Stückchen umzusetzen muss aber schon drin sein. – Ein bisschen Bammel habe ich vor den Konsequenzen der „Inhalte“, die sich nicht so attraktiv und erfahrungsbezogen verpacken lassen. Die Geisteswissenschaften haben da (wenn die Diskussionsformate verbraucht sind) irgendwann ein Problem (vermute ich)…

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    6. August 2011
    • Martin Kurz #

      Witzig, ich dachte wir Naturwissenschaftler schwitzen nur – aber das ist natürlich großer Quatsch. Ich merke schon seit einiger Zeit, dass meine Physikschüler und ich gemeinsam insbesondere beim Schreiben und Lesen von Texten, beim Präsentieren und Einstudieren von Rollenspielen ganz schön schwitzen.
      Aber es stimmt, auch ganz spontan fallen mir immer wieder recht „authentische“ Situationen in unserer höchst technisierten Umwelt ein. Dass dies ein Vorteil sein kann war mir gar nicht bewusst.
      Und dennoch, haben wir nicht durch die neuen Bildungsstandards mehr Freiheiten in der Inhaltswahl? Thematisch sind doch viele „cross-over“ Situationen möglich, zwischen den Fächern untereinander und dem „Leben“.

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      6. August 2011
  4. Über genau diesen Artikel von Leisen bin ich zu Lernaufgaben gekommen, die mich im Moment für meine Examensarbeit motivieren. Sehr schön!

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    6. November 2011
    • Martin Kurz #

      Das erfreut das Herz eines Physiklehrers! Wenn aller Stress vorbei ist, berichte mal darüber.

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      6. November 2011

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  1. | Lehrkoerper

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