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Das Schuljahresende. Leerlauf. Stress. Was tun?

Irgendwie bin ich im Moment auf dem Effizienz-Trip. Ich rege mich über die letzten Wochen eines Schuljahres auf. Sie stressen mich regelrecht.

Betrachten wir ein Schuljahr rückwärts: gut zwei Wochen vor der Zeugnisausgabe (in Hessen am 2.7.2010) sind die Noten-Konferenzen, gute drei Wochen davor sind die Noten „im System“. Mit allen Feiertagen davor und Notenbesprechungen bedeutet dies bis zu vier Wochen Unterricht „ohne Notendruck“.

Nun gut. Geht nicht anders. Allerdings fällt die extrinsische Motivation in den Keller. Bei vielen Schülern ist die Luft raus, das Unterrichten wird schwieriger. Könnte man diese Zeit nicht einfach sein lassen? Natürlich nicht. Kürzt man diese Zeit ab, verlagern sich diese „anderen Wochen“ nur nach vorne. Eine Endphase eines Schuljahres ist unvermeidbar. Die Frage stellt sich wie man diese Zeit am besten gestalten kann.

Hier möchte ich meine Überlegungen ansetzen: Wie gehe ich strategisch vor? Wie nutze ich die letzten (drei bis) vier Wochen sinnvoll? Wie überzeuge ich die Schüler auch dann zu lernen, obwohl die Zeugnisnote  fest steht? Natürlich gibt es  die latente Drohung, dass eine Note im Notfall geändert werden kann. Dies ist aber doch eher Bluff oder eben eine Ausnahme.  Es lohnt sich – so realisiere ich jetzt – diese letzte Phase eines Schuljahres zu planen.

Folgende Strategien wende ich – eher unbewusst statt bewusst – an:

  • Wir-müssen-noch-so-viel-aufholen-Strategie: Ich erhöhe das Tempo. Kurze Lehrervorträge wechseln sich mit Übungsphasen (mit viel Arbeitsblättern) ab. Die Schüler maulen anfangs, sind dann jedoch beschäftigt. Die meisten sehen die Begründung ein. (Ein Nothammer: ich deute an, dass ich die positive wie mangelnde Mitarbeit für das nächste Schuljahr in meinem Elefantengedächtnis nicht vergesse!) Es ist die Strategie, die ich am meisten verwende. Funktioniert aber kaum bei Abschlussklassen.
  • Wir-führen-ein-lang-geplantes-Projekt-durch-Strategie: die Schüler wollen es nicht wirklich – ich will es – aber für die Legitimation reicht es. Diese Strategie funktioniert nur mit bestimmten Themenfeldern. Z. B. eine ganze Reihe von Physik-Experimenten, die nicht alle theoretisch reflektiert werden müssen. Oder ein Ausflug zur nächsten Autobahnbrücke auf Rollen, Physik auf der Skateranlage, etc.
  • Wir-erklären-die-Welt-Strategie: ein Themen-Potpourri in der Schüler irgendwelche Fragen stellen und wir gemeinsam nach Antworten suchen. Funktioniert nicht mit jeder Klasse.
  • Ich-habe-eine-tolle-Online-Übung-erstellt-Strategie: Es gibt viele interessante Quellen im Internet, die Physikthemen untermauern. Ein Beispiel zeigt dieser Moodle-Kurs zur Elektrizitätslehre, den ich in etwa 20 Minuten schnell erstellt habe. Vermehrt lasse ich meine Schüler im Computerraum arbeiten.
  • Dieses-Video-wollte-ich-euch-schon-immer-mal-zeigen-Strategie: eine Variante der Welterklärungs-Strategie: es gibt viele neue interessante Lehrfilme. Ich bespreche sie aber auch.

Die Liste ist nicht vollständig. Ich kann nur – da will ich ehrlich sein – festhalten: diese Endphase ist einfach anstrengend. Sie gehört – selbstverständlich – gut vorbereitet. Der Stress der zusätzlichen Aufgaben am Schuljahresende (Noteneingabe, Konferenzen, Zeugnisdruck, …) drückt – das ist noch nett gesagt. Viele Klassen-, Jahrgangs- und Schul-Projekte am Ende des Schuljahres unterbrechen den Fluss des Fachunterrichts. Fairerweise muss ich aber sagen, dass ich es befürworte in dieser Zeit solche Projekte anzusetzen.

Weiterhin zeigt mir die Phase natürlich, aus welchem Holz der einzelne Schüler geschnitzt ist: wird nur für die Note gelernt (extrinsische Motivation) oder macht auch das Fach „an sich“ Spaß (intrinsische Motivation). Es ist auch nicht verkehrt auf diese unterschiedlichen Motivationen hinzuweisen.

Die Forderungen mancher Schüler nach Eis-Essen-Gehen werden dann (etwas) leiser. Apropos Eis-Essen-Gehen: ich vertrete die Ansicht, dass der Klassenlehrer dies einmalig am Schuljahresende mit seiner Klasse durchführen kann – ich in meiner Rolle als Fachlehrer jedoch nicht.

Vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken. Aber den Endspurt am Schuljahresende zu ignorieren ist auch keine Lösung. Natürlich bin ich neugierig welche Erfahrungen andere Lehrerinnen und Lehrer machen: ist es möglich, diese Wochen anders zu durchleben?

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  1. Da ich keine Lehrerin bin kann ich leider nicht aus meiner Erfahrung berichten. Aber als „Ex-Schülerin“ und „Mama“ sozusagen von der anderen Seite:-)
    Deine Darstellung, dass der Notenschluss des Fluss des Fachunterrichts unterbricht, Eis-Essen-Gehen etwas für Klassenleiter (die ja auch Fachlehrer sind) ist und auch diese Zeit sinnvoll genutzt werden sollte, macht mich nachdenklich. Was genau bezeichnest du als sinnvoll? Ist in der Schule nur die Vermittlung von Fachthemen mit anschließender Leistungskontrolle sinnvoll? Oder wäre es nicht auch sinnvoll genau das Gegenteil zu genießen und Raum zu haben für all die Themen, die „unter der Zeit“ verloren gehen? Schüler haben viele (auch fachbezogene) Wünsche, die in dieser sowieso sehr kurzen Zeit endlich einmal behandelt werden könnten. Dafür könnte doch während des Schuljahrs eine Liste geführt und vor dem Notenschluss mit den Schülern besprochen werden, was dann behandelt wird.
    Zu meiner Schulzeit ging mit dem Notschluss das Schulprojekt „Schulaufführung“ in die letzte Phase. Bis zum Aufführungstag am vorletzten Schultag waren alle (ob Schüler oder Lehrer) in diese Projekt involviert. Schulunterricht im herkömmlichen Sinn gab es nicht, wir haben geprobt, Bühnendeko gestaltet und was sonst noch anstand. Wir waren „alle gleich“ und hatten auch Gelegenheit, den „verhassten“ Mathelehrer kennenzulernen, der sich dann doch als ganz nett herausstellte. Es war auch die Zeit, in der ich täglich freiwillig länger in der Schule war als das ganze Schuljahr zusammen. Der Zauber dieser Zeit strahlte immer bis ins nächste Schuljahr und stärkte unsere Gemeinschaft jedes Jahr mehr. Diese Aufführungen sind zu den wertvollsten Erlebnissen und Erinnerungen meiner Schulzeit geworden und ich glaube wir haben mehr gelernt, als in manch einer Schulstunde.

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    26. Juni 2010
  2. martinkurz #

    Hallo Sabine,
    danke für deine prompte Reaktion. Dein Satz „Raum zu haben für alle Themen, die „unter der Zeit“ verloren gehen“ finde ich sehr gut. Stimmt mich nachdenklich.

    Deine Idee eine Liste von Themen bzw. Ideen zu führen für die Zeit nach dem „Notenschluss“ ist sehr schön.

    Vielleicht habe ich mich auch ein bisschen zu einseitig ausgedrückt: ein Theaterprojekt über mehrere Tage, oder, wie gerade bei uns aktuell, eine 5-tägige Projektwoche finde ich absolut sinnvoll und super. Diese Zeit ist dann wieder sinnvoll genutzt. Auch Fahrten gehören dazu.

    Aber es sind nur 5 Tage von ca. 20 Tagen, d. h. es besteht in den restlichen 15 Tagen einfach der Anspruch Fachunterricht zu halten. Und leider auch die curriculare Notwendigkeit.

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    26. Juni 2010
  3. Hallo Martin,

    toll, dass Du Dir zu dieser besonderen Zeit eines Schuljahres Gedanken machst, ich schätze sehr, dass Du nicht ein „gehen-wir-doch-noch-ein-Eis-essen-Lehrer“ bist und Deinen Unterricht immernoch strukturierst und planst. Ich habe schrecklich viel dagegen, wenn das Schuljahr um ganze 4 Wochen gekürzt wird und nur noch Abhängen und Baller-Filme-Gucken angesagt ist. Habe gerade Euer moodle besucht, das ist ja super! Wird das viel genutzt und gut angenommen?

    @Sabine, das mit dem Projekt ist natürlich auch ne tolle Sache! Schön, wenn eine Schule über alle Fächer hinweg so engagiert ist, das ist bestimmt so wie Du schreibst: es stärkt die Gemeinschaft und strahlt in das nächste Jahr hinein.

    Viele Grüße – Irene

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    26. Juni 2010
  4. Melanie #

    Also ich bin Oberstufenschülerin des G8 und möchte das Ganze mal aus Sicht eines Schülers betrachten.
    Zuerst möchte ich sagen, dass ich es eigentlich sehr traurig finde, dass ein Lehrer, also ein Pädagoge, der dazu ausgeblidet ist Schüler zu unetrrichten, nach Lösungen suchen muss, damit seine Schüler weiterhin am Unterricht interessiert sind.
    Meiner Meinung nach hängt es immer vom Lehrer ab wie der Unterricht nach dem Notenschluss verläuft. Wenn die Schüler keine Motivation mehr zeigen liegt es einfach daran, dass der Unterricht langweilig ist und es keinen Bezug zum Lehrer gibt und nachdem die Noten im Kasten sind gibt es keinerlei Grund mehr im Unterricht aufzupassen. Wenn die Lehrer aber merken, dass die Schüler kein Interesse mehr zeigen kommt die typische Reaktion, die bei Ihnen auch zu diesem Blog geführt hat. Die Schüler sind Schuld. Natürlich, denn welcher Lehrer würde schon auf die Idee kommen sich mal Gedanken darüber zu machen wie er und sein Unterricht auf die Klasse wirken und ob es vielleicht seine Schuld ist, dass die Klasse einfach keine Lust mehr hat.
    Was mir auch absolut nicht passt, ist Ihre Kritik gegenüber der Tatsache, dass es Schülern nur um Noten geht. Bitte, wenn es in der Schule nicht um Noten geht, um was dann? Die Übermittlung von Bildung und die langfristige Schaffung von Hintergrundwissen sind doch schon lange nicht mehr der Mittelpunkt im Klassenzimmer. Die Schüler werden darauf getrimmt gute Noten zu schreiben und wenn der Test vorbei ist, können sie auch alles wieder vergessen. Die Noten bestimmen alles, auch das weitere Leben und sie selber sehen doch die Drohung mit schlechten Noten als Möglichkeit der Motivationssteigerung.
    Was ich außerdem nicht verstehe, ist wie Sie als Ex-Schüler so wenig Verständnis für das Verhalten Ihrer Klassen haben können. Sie müssten sich doch auch noch daran erinnern können wie schön die letzten Wochen vor den Ferien sind. Endlich kein Schulaufgaben- und Exen- Stress mehr, endlich wieder eine entspannte Athmosphäre zwischen den Schülern und den Lehrern und die Vorfreude auf die Ferien. Sie haben ein ganzes Schuljahr Zeit gehabt Ihren Schülern den Lehrplan reinzuwürgen, also gönnen Sie ihnen doch einfach mal die Entspannung und genießen sie diese letzten 3-4 Wochen mit Ihren Schülern, anstatt sich Gedanken zu machen wie Sie sie weiter drillen können.

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    27. Juni 2010
  5. martinkurz #

    Vielen Dank, Melanie, für Ihre offene und ausführliche Meinung. Ich bin froh, dass ich mit meinem Blog nicht nur andere Lehrer erreiche. Im Moment fehlt mir die Zeit, aber ich antworte Ihnen später ausführlicher.

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    27. Juni 2010
  6. Ich komme bei diesem Threat tatsächlich etwas ins Nachdenken. Ich muss an meine eigene Schulzeit denken, was sicherlich an dem Punkt „Eis essen“ liegt.

    Ich hatte in meiner Gymnasialzeit drei Religionslehrer. Der erste war ein netter, älterer Pfarrer. Der zweite war noch sehr jung, aber ohne ihn damit schlecht machen zu wollen ein religiöser Fanatiker. Der dritte war ein lockerer, sehr offener Lehrer. Der Unterricht war so unterschiedlich wie man ihn sich nur vorstellen kann.
    Beim ersten Lehrer war der Unterricht todlangweilig, die Klasse hat aber einigermaßen für die Arbeiten gelernt und wollte den netten Mann nicht ärgern. Beim zweiten Lehrer waren wir einfach nur froh wenn die Stunde vorbei war, sowohl pädagogisch wie inhaltlich waren die Stunden schrecklich. Beim dritten Lehrer jedoch haben wir gerne gelernt, obwohl es das selbe Fach war und die Inhalte sich nicht gravierend unterschieden in den einzelnen Schuljahren. Es war eine offene Unterrichtskultur, die nicht nur im Klassenzimmer statt fand. Ja, war haben damals Eis gegessen, und auch an Erdbeeren kann ich mich erinnern. Und gleichzeitig haben wir mehr gelernt als in den benoteten Schulzeiten in den Jahren zuvor. Einfach, weil uns das Lernen so Spaß machte. Dabei war Religion nun wirklich kein Lieblingsfach der Klasse.

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    30. Juni 2010
  7. Simone Pirschner #

    Hallo Martin,

    ja ja, immer diese Schulschlüsse.
    Für sehr viele Eltern, Medien, … ist es die intensivste Zeit, über Lehrer zu schimpfen. Wir mögen ja alle nicht mehr unterrichten, schauen deshalb nur mehr Filme oder machen Ausflüge.
    Für uns Lehrer ist es vermutlich die anstrengendste Zeit im Jahr. Die Kids haben schon lange die Ferien im Kopf – daneben leider nicht mehr viel anderes. Normaler Unterricht in der letzten Schulwoche ist nahezu unmöglich.
    Neben der vielen organisatorischen Tätigkeiten für Wandertage, Projekttage und Co. wartet aber immer noch die administrative Arbeit (vor allem für KVs). Zeugnisse müssen verfasst, Stammblätter geschrieben, Kataloge abgeschlossen, … werden.
    Da mein Mann (an einer anderen Schule) auch Lehrer ist, sehen wir uns das nächste Mal vermutlich am Samstag morgen, bis dahin sind wir beide verplant.
    Als junge Lehrerin bin ich bei der Gestaltung von Projekten am Schulschluss immer Feuer und Flamme und mit Begeisterung und Elan dabei und sitze oft bis spät in die Nacht. Höre ich dann aber wieder, wie gemütlich wir uns doch die letzten Wochen machen würden und wie faul wir doch eigentlich wären, dann würde ich am liebsten alles sausen lassen.
    Mir ist es ein Anliegen, den Eltern einen Einblick in unsere Planungsarbeiten zu gewähren, um unser Klischee endlich aufzubessern. Vielleicht erkennen sie auch, dass Tätigkeiten außerhalb der Schule fürs Leben viel lehrreicher und wichtiger sein können, als Stunden in der Klasse, denn auch da lernen sie wertvolle (aber wahrscheinlich andere) Dinge fürs Leben.

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    6. Juli 2010
  8. Martin Kurz #

    Eine Ergänzung zum eigenen Artikel, denn das Schuljahresende im Sommer 2011 steht bevor:
    Was wir wirklich lernen müssen – 10 Dinge von Stephen Downes im Jahre 2006 aufgezählt – ist sicherlich ein Klassiker:

    http://imgriff.com/2011/04/18/unsere-zukunft-was-wir-wirklich-lernen-muessen/

    Es lohnt ich diesen Artikel zumindest in Teilen mit Schülern zu behandeln.

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    6. Juni 2011

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