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Wie schwache Schüler besser werden

prophecy-tv

Bildquelle. Ich denke viel darüber nach, wie ich meine Schüler fördern kann und aus schwachen Schülern bessere werden. Das ist mir ein Herzensanliegen. Wenige meiner Schüler denken, dass ein Lehrer gerne schlechte Noten vergibt – das ist eine verzerrte Wahrnehmung und auf mich bezogen falsch. Das Erreichen eines bestimmten Niveaus Bildungsstandards ist mir wichtig. Davon abgesehen – schwache Schülerleistungen fallen auf mich zurück, zumindest wenn ich meine Schüler länger als zwei Jahre unterrichte.

Ich habe auch eine Methode angewendet, die viele Kollegen anwenden: die der „self-fulfilling prophecy„, die der „selbsterfüllenden Prophezeiung“. Das diese – ich spreche von einer Methode – wirksam ist haben psychologische Untersuchungen gezeigt. (Ein Sprungbrett für interessierte Leser ist der entsprechende Wikipedia-Artikel.)

Um es vorweg zu nehmen: die plumpe Methode einem Schüler zu sagen: deine Leistung hat sich gesteigert, jetzt bist du besser geworden, funktioniert nicht. Das wird schnell vom Schüler bzw. den Mitschülern durchschaut. Nein, eine „self-fulfilling prophecy“ muss vorbereitet werden.

Welche Prinzipien greifen? Nach meiner Erkenntnis sind es folgende:

  • Der Realität ins Auge sehen,
  • Menschen da abholen, wo sie stehen,
  • Hilfen geben,
  • Loben,
  • Selbstbewusstsein aufbauen
  • eine persönliche Beziehung aufbauen und
  • Vorschuss-Lorbeeren geben.

Wie funktioniert es im schulischen Alltag? Ich benenne das Vorgehen nach bestimmten Phasen. Wichtig ist bei meiner Beschreibung, dass ich den einzelnen Schüler anspreche (auch mehrere in einer Klasse zeitgleich), nicht die ganze Klasse. Das funktioniert mit Einschränkung zwar, jedoch ist die Anwendung der Methode auf den einzelnen Schüler effektiver. Ich unterscheide folgende Phasen:

  1. Die Stunde der Wahrheit
    Der Schüler bekommt von mir gespiegelt, wie dramatisch schlecht es um seine Leistung und damit Fachnote steht. Dies muss stimmen und eine ehrliche Selbsterkenntnis ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Scheinbar „demontiere“ ich den Schüler, dies betrifft zunächst sein Luftschloss, das er gebaut hat. Beispiel: „Stefan, du stehst mündlich und schriftlich auf einer Fünf, ich mache mir echte Sorgen um dich.“ Ich gehe davon aus, dass ansonsten ein normales Vertrauensverhältnis besteht, d. h. es gibt keinen emontionalen Konflikt zwischen mir und dem Schüler.
  2. Die Botschaft kommt an
    Pause. Diese ist wichtig. Zwei Unterrichtsstunden bzw. zwei Tage ist nichts weiter zu tun. Die Hiobsbotschaft sacken lassen. Ist die Botschaft nicht angekommen kann ein Gespräch, etwa telefonisch, mit den Eltern wahre Wunder vollbringen.
  3. Ein unerwarteter Erfolg
    Der Schüler bekommt – selten genug – einen individuellen Lerntipp von mir. Dieser ist meist banal. Entscheidend ist die individuelle Ansprache. Zum Beispiel: „Rechne diese leichtere Aufgabe, wiederhole sie und rechne sie gleich ein zweites Mal. Du musst die andere Aufgabe nicht rechnen.“ Oder, je nach Schülertyp (z. B. beim fleißigen, stillen Typ) bekommt er die Vorankündigung, dass er gleich das Ergebnis oder einen Ansatz einer mathematischen Aufgabe vor der Klasse (!) sagen muss. Wichtig ist, dass ich ein minimales Erfolgserlebnis initiiere. Notfalls muss, wenn es nicht klappt ein zweiter Anlauf gestartet werden. Und nicht zu vergessen ist, dass das Ereignis vom Schüler als Erfolg gesehen wird. Nicht aus der Sicht des Lehrers. Wenn dies alles schwierig ist fordere ich starke Aufmerksamkeit. Dies können – für kurze Zeit – die meisten Schüler erbringen.
  4. Lob des Lehrers
    Das Erfolgserlebnis wird honoriert. Dies kann spontan vor der Klasse geschehen, kann alternativ durch eine direkte Ansprache geschehen. Es ist ein Lob und so sollte es rüberkommen. Bitte nicht durch ein „aber“ schmälern. Beispiel: „Gut gemacht, Stefan, dass du dein Ergebnis vorgetragen hast, du hast die Lösung gefunden. Das freut mich sehr.“ Oder für den Plan B: „Stefan, du warst heute vorbildlich aufmerksam. Weiter so.
  5. Die Prophezeiung
    Jetzt kommt erst die „self-fullfing prophecy“: Eine positive Aussage, die sich auf den zukünftigen Leistungsstand bezieht“. Etwa so: „Stefan, du wirst dich verbessern. Wenn du so weiter machst, und dich anstrengst wirst du deine bessere Note halten. Ich gehe davon jetzt aus. Von der Fünf bist du weg und weiter geht es in Richtung Drei. Du musst deine gute Note nur noch halten. Weiter so, streng‘ dich jetzt an. Sei jetzt fleißig.“ Wenn der Schüler mich fragt ob er von der Fünf runter sei, druckse ich rum und sage folgendes „Ja, im Grunde, du musst dich weiter beweisen.“ Ganz ehrlich? Ich gehe hier intuitiv nach der Persönlichkeit des Schülers verschieden vor: mancher Schüler darf nicht zu schnell hören, er ist von der schlechten Note runter. Denn dann ändert sich nichts. Andere Schüler, mit geringem Selbstbewusstsein, benötigen eine „Vorschuss-Note“. Diesem Dilemma entziehe ich  mich gerne mit der Aussage über einen zukünftigen (positiven) Leistungsstand.
  6. Es geht aufwärts
    Es kommt die Phase der Erinnerungen, weiteren Lobes, und Ermahnungen. Der Schüler wird ernst genommen und bekommt im Sinne der Stufen 3 – 5 weitere Erfahrungen. In manchen Fällen ist – ich wage es auszusprechen – eine konkrete Förderung durch z. B. individuelle Wiederholungs-Aufgaben wichtig. In der Mathematik verwende ich zum Beispiel die Mathe-Flyer. Der Schüler muss glaubwürdig Licht am Ende des Tunnels sehen. Die mündlichen Noten, die ich häufig vergebe, sind bessere.
  7. Die Ernte
    Die Verkündigung des neuen Leistungsstandes steht an. Dies geschieht im Rahmen eines allgemeinen Feedbacks an alle. Die (hoffentlich) bessere Note wird frohgemut verkündet.

Diese sieben Schritte beziehungsweise Phasen entdecke ich in meiner Arbeit als Lehrer, im Fach Mathematik. Ich denke nicht, dass sie originell sind. Es ist der Erkenntnis entwachsen, dass Lob mehr erreicht als Schimpfen, Mut machen effektiver ist als Entmutigung.

Mich erstaunt, dass bei konsequenter Anwendung dieser Schritte ein Erfolg zu verzeichnen ist. Ich versuche diese Prinzipien und Schritte gleich auf eine ganze Klasse anzuwenden – das funktioniert etwas. Eine positive Veränderung wird aber am effektivsten durch eine individuelle Ansprache erbracht.

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    Deutlich wird dieses Prinzip noch an anderer Stelle: Sage ich eine Klasse, dass sie die Chaoten-Klasse der Schule ist, dann entsprechen sie automatisch meinen Erwartungen. Gehe ich aber in eine Klasse hinein und spiegele, dass ich viel Positives von ihnen gehört habe und dass sie sehr gut arbeiten können, ist das Verhältnis gleich ein anderes.

    Auch hier gilt die sich selbst erfüllende Prophezeiung. 🙂

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    24. Oktober 2011
    • Martin Kurz #

      Hallo Jan-Martin (und hier mal mein Kompliment für die äußerst gelungene Themenwahl in deinem Blog)!

      Dein Beispiel ist sehr treffend. Die Prinzipien sind vielfältig anwendbar. Ich muss auch erwähnen, dass ich den Artikel auch als Appell an mich selbst geschrieben habe. Ich schimpfe schon noch. Funktioniert halt nicht so gut.

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      24. Oktober 2011
  2. Danke für den schönen Beitrag, zu dem ich nun auf Umwegen über Herrn Larbig gekommen bin. Auch wenn die Idee, wie du sagst, nicht originell ist, so gefällt mir doch die Phasierung gut und macht das Vorgehen leicht nachvollziehbar. Vieles davon habe ich auch schon versucht, aber eher bruchstückhaft und nicht als Konzept. Man merkt, dass eine Menge Reflexion dahintersteht.

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    1. November 2011
  3. Guter Beitrag.
    Ich wünsche mir jetzt nur noch einen mit dem Titel: „Wie ganz schwache Schüler besser werden“ – die, die vor deren Abschaffung die Hauptschule besucht haben, die, die eine Herausforderung für unser Bildungssystem darstellen, weil keiner weiß, was mit denen zu tun ist …

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    21. November 2011
    • Martin Kurz #

      Ja, ich stimme dem zu, da gibt es Schüler, die fallen durch ein Raster, stehen in der Gefahr keinen Schulabschluss zu bekommen. Um diese muss sich „Schule“ wirksam kümmern. Eine pauschale und einfache Lösung gibt es da nicht. Im Blickpunkt müssen diese Schüler aber stehen.

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      22. November 2011
  4. Super Ansatz! Vielen Dank für den Artikel

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    8. November 2014

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